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Aus der Geschichte Gültsteins

aufgezeichnet von Gottlob Wohlbold,
Bürgermeister von 1953 bis 1971 -
aktualisiert von Bernd S. Winckler

Reisender, kommst du auch im Jahr 2006 nach Herrenberg, oder fährst du auf der A 81 von
Süden kommend Richtung Böblingen/Stuttgart, dann öffnet sich auf Höhe von
Gäufelden und Ammerbuch der Blick auf Gültstein. Der Ort, der sich ans Ufer der Ammer
schmiegt und dem leicht ansteigenden Hang zum überragenden Panorama des Schönbuch-Rückens
liegt, ist umgeben von satten Feldern und im Frühjahr geschmückt von den Blüten der
Zwetschgen- und Kirschen-Plantagen. Schon sehr früh wurde diese so fruchtbare und klimatisch
begünstigte Gegend besiedelt. Bereits um 2000 vor Christus lassen sich hier erste menschliche
Niederlassungen nachweisen.

Gültstein wird im Jahr 769 erstmals genannt, weil das Kloster Lorsch an der Bergstraße laut
einer dortigen Urkunde in Gültstein Besitzungen hatte. Der Ort hieß damals noch Giselstete und
wechselte den Namen später in Giselsteten, Gilistan, Gilisten und Gilsten. Im 8. Jahrhundert war
Gültstein politischer, wirtschaftlicher und kirchlicher Mittelpunkt des Ammertales und lag an der
Römerstraße Rottenburg - Reusten - Herrenberg - Pforzheim. Noch heute sind Teile der Straße
auf der Ortsmarkung nachzuweisen.

Am südlichen Teil des Ortes stand einst eine Wasserburg der adligen Herren von Gültstein, die
Machtholf, Konrad, Swigger, Dietrich und Roller hießen. Die Grundmauer der Burg wurde bei Grabarbeiten
zur Ammerregulierung im Jahr 1955 teilweise freigelegt, so dass sie heute wieder sichtbar ist. Eine zweite
Burg stand wohl in der Gegend der Torstraßeneinmündung/Zehnthofstraße. Die dritte Burg vermutet
man westlich von Gültstein auf einem Höhenrücken bei Nebringen.

Gültsteins erste Kirche soll nach einem Bericht des Abtes Otto von Sankt Blasien mehrere Türme gehabt
haben. Und zwar im romanischen Stil. Wahrscheinlich eine Martins-Urkirche. Die im 10. Jahrhundert erbaute
Kirche ist in das Landesverzeichnis als mittelalterliches Baudenkmal aufgenommen. Der Turm hatte einstens
Schießscharten und zwar von einer hohen Mauer umgeben, welche im Jahre 1786 "um ihrer außerordentlichen
Höhe willen bis auf acht Schuh" samt dem darauf noch vorhanden gewesenen Wächterhäuschen abgebrochen
wurde.

Gültstein war eigentlich im Besitz des Pfalzgrafen von Tübingen. Als im Jahre 1165 zwischen dem Pfalzgrafen
und Herzog Welf VII. eine Fehde ausbrach, durchzog der feindliche Welf des Landgrafen das Land und richtete
heerungen an. Er zerstörte dabei auch die von der Einwohnerschaft als letzte Zufluchtstätte benutzte
Kirchenmauer samt Turm. Aus dieser Zeit wird folgende Geschichte berichtet:

In Furcht und Schrecken zogen Bürger mit allem was ihnen lieb war, samt Vieh zum festen Friedhof. Bald
wurde die herrschende Enge unerträglich und man sann, das Vieh loszuwerden. Der Dorfhirte hatte die Idee
und den Mut, mit einigen beherzten Burschen das Vieh in den Wald des Schönbuchs zu treiben, um es dort in
Sicherheit zu bringen. Die wenig gerüstete Kirchenbesatzung konnte dem Ansturm der Feinde nicht lange stand-
halten und musste sich ergeben. Als der Sieger Beute machen wollte, wurde ihm gesagt, dass das Vieh schon von
Soldaten weggetrieben worden sei. Der Welf fiel auf die List herein und zog wegen der geringen Beute an Vieh
unverrichteter Dinge weiter.

Gültsteiner Mühle im Jahr 1910
   
Später erhielt das Kloster Hirsau im Schwarzwald in Gültstein durch Schenkungen große
Besitzungen, so dass es einen Pflegehof errichtete. An dessen steht heute das alte Schulhaus und stammt aus
jener Zeit. Es wurde damals auch als Weinkeller benutzt, weil am südlichen Schönbuchrand Wein
angebaut wurde. Es ist urkundlich überliefert, dass die Gemeinde zu Allerheiligen Wein an das Kloster
Hirsau zu liefern hatte. Im Jahr 1594 musste sie auch an die theologische Fakultät Tübingen, welche
wegen der Pest vorübergehend nach Calw verlegt war, Wein abgeben. Nach der heutigen Landesklimakarte
würde Wein an der Südseite des Schönbuchrandes gedeihen, wobei aber die Rebqualtitäten eher
mittelmäßig wären.

Am Pfleghof und weiteren Gebäuden des Klosters waren dessen Wappen, der Hirsch mit dem Abts-Stab,
angebracht. Noch heute sind sie zu sehen. Deshalb und wegen der über 700 Jahre währenden Beziehungen
zum Kloster ist es verständlich, dass Gültstein dieses Wappen als sein eigenes annahm und später
verliehen bekam. Im Jahre 1635 starben an der Pest 224 Bürger der Gemeinde. Als Folge löste sich alle
Ordnung im Dorf auf und niemand war mehr in der Lage, Hilfe zu leisten.

Gültsteiner Schloss im
Zauber des Winters

   
Der 8. Juli 1784 geht als ein schwarzer Tag in die Geschichte Gültsteins ein: Bei einem Großbrand
im Zentrum wurden innerhalb vier Stunden die Kirche, das Rathaus, das Schulhaus und weitere 68 Hauptwohngebäude
eingeäschert. Auf Aufforderung haben 100 württembergische Oberämter und Vogteien, alle Gemeinden
des Oberamts und die Städte Straßburg, Regensburg, Zürich, Ulm, Augsburg und Nürnberg Spenden
zum Wiederaufbau geleistet. Die Brandursache wurde nie aufgeklärt. Zur Debatte stand entweder Brandstiftung
oder Selbstentzündung von Heu und Stroh.

Eine weitere üble Zeit brachte im Jahre 1816 die sich über den größten Teil von Europa erstreckende
Teuerung und Hungersnot. Die Not wurde durch eine gute Ernte dann im folgenden Jahr 1817 behoben.

28 Gültsteiner nahmen am Krieg 1870/71 teil. Davon kehrte einer nicht mehr zurück. Der erste Weltkrieg
traf die Teilnehmer aus Gültstein schwerer, denn von 220 Ausgezogenen durften 53 nicht mehr heimkehren. Ihr
Denkmal steht am Friedhof und wurde im Jahr 1955 für die 83 Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkrieges
erweitert.

Postkarte aus dem Jahr 1935
   
Eine Gültsteiner Bürgerstochter des 18. Jahrhunderts lebt heue noch als tragische Gestalt in der
Weltliteratur fort. Sie war die Hauptfigur eine Liebesdramas, welches der Tragödie von "Romeo und Julia" an
Ausweglosigkeit kaum nachsteht. Ohne die 1730 geborene Tochter Christine des Gültsteiner Zimmermannes Hans
Georg Müller wäre es schwerlich zu einem der aufsehenerregendsten Prozesse des 18. Jahrhunderts gekommen:
Dem Verfahren gegen den berüchtigten Räuber Johan Friedrich Schwan aus Ebersbach, bekannt als "Sonnenwirtle",
der am 30. Juli 1760 in Vaihingen an der Enz auf dem Rad hingerichtet wurde. Zur Zeit, als sich die Tragödie anbahnte,
lebten Christine Müller und ihre Eltern nicht mehr in Gültstein. Was die Familie bewog, nach Ebersbach
überzusiedeln, geht aus den erhaltenen Schriftstücken nicht hervor.

Unter den Dichtern haben sich Friedrich Schiller in der Erzählung "Verbrecher aus verlorener Ehre" und in dem
Drama "Die Räuber", sowie Hermann Kurz in dem Roman "Der Sonnenwirt" des Stoffes angenommen, der davon erzählt,
wie ein unglücklich Liebender zum Verbrecher wird, aus Verzweiflung und Trotz gegen die verständnislosen Eltern und
hartherzige Umwelt jener Zeit.

Gültsteins wohl bedeutendste Persönlichkeit war der 1853 geborene Kaiserlich Geheime und Königlich
Württembergische Dr. h.c.Otto Kapp. Er hatte im Jahre 1878 als junger Regierungsbaumeister beim Bau der
Gäubahn Stuttgart-Eutingen mitgewirkt und später in französischen Diensten als Generalinspekteur in
Serbien, der Türkei und in China bedeutende und schwierige Eisenbahnstrecken von insgesamt 33.000 km gebaut.
Auch am Kanalbau von Korinth hatte er seinen wesentlichen Anteil geleistet. Aus Liebe zu seiner Heimatgemeinde
und wegen der Erhebung in den Erbadel erbaute er im Jahr 1908 das Gültsteiner Schloss als seinen Familiensitz
und die Urnenhalle im Friedhof als Familiengrabstätte. Obwohl er in Stutgart und im Ausland verschiendene
Wohnsitze hatte, behielt er sein Bleiberecht in Gültstein und wurde schließlich zum Ehrenbürger ernannt.

Nach dem 1. Weltkrieg erkrankte er und lebte - nach einer Beinamputation - in seinem Schloss in Gültstein. Kapp
hinterließ keine Nachkommen, da sein Sohn als Fliegeroffizier im 1. Weltkrieg fiel und seine Tochter kinderlos blieb.
Sein Schloss wurde 1921 vom Staat erworben. Mit den seither erfolgten An- und Ausbauten und dem großen, schmucken
Park mit Entensee dient er heute als Erholungsheim des Landeswohlfahrtverbandes. Das Haupthaus trägt nun den Namen
"Villa Kapp".

Ein weiterer Sohn der Gemeinde kam - was in der Heimat erst vor wenigen Jahren bekannt wurde - in Norddeutschland
zu Ruhm und Ehren. Der 1851 geborene Anton Baumann (Sohn des damaligen Gültsteiner Schultheiß) ließ
sich nach den als Handwerker üblichen Lehr- und Wanderjahren in Schwartau als Baumeister nieder. Beim Bohren
nach Tiefenwasser stieß er auf Sole und eröffnete 1901 unter Einsatz seines gesamten Vermögens ein
Sol- und Moorbad. Damit gilt er als Begründer des Kur- und Badewesens von Bad Schwartau.

Am 24./25. September 1943 wurden durch Brandstiftung an fünf verschiedenen Stellen 15 Gültsteiner Häuser
eingeäschert. 14 Tage später warfen feindliche Flugzeuge Spreng- und Brandbomben auf den Ort, wobei beträchtlicher
Gebäudeschaden entstand: Zwei Scheunen und ein Wohnhaus fielen den Bomben zum Opfer.

Gültstein Partnerschaftsplatz 2001

   
Gültstein hatte einst rein landwirtschaftliche Struktur. Dies änderte sich jedoch mit der fortschreitenden
Industrialisierung des Landes und des Kreises Böblingen. Jetzt sind viele Einwohner in der hiesigen Industrie
Gültstein-Ost und im Industriegebiet Hulb in Böblingen beschäftigt. Die großen Firmen wie "Rigips",
DaimlerChrysler, IBM und Hewlett-Packard liegen sozusagen vor Gültsteins Haustüre.

Seit dem 18. Jahrhundert hatte Gültstein stetig 1000 Einwohner, bis sich im Jahre 1946 die Einwohnerzahl
durch Zuweisung von Heimatvertriebenen aus Ungarn und dem Sudentenland auf 1378 erhöht. Dies brachte zunächst
auch große Wohnungsnot mit sich. Durch den baldigen Bau eines eigenen Häusles sind aber die meisten heimisch
geworden. Durch die rege Bautätigkeit der letzten 40 Jahre hat sich der Ort ausdehnungsmäßig verdreifacht.
Die Einwohnerzahl hat sich auf rund 3400 erhöht.

Gültstein Rathaus 2001 Bahnhof Gültstein mit Ammertalbahn
   
Durch den Wachstum des Kreises und der Verwirklichung der Autobahn Stuttgart-Singen waren auch in Gültstein
viele Bauvorhaben notwendig geworden: Ausbau der Ammer zur Verhinderung von Hochwasser. Errichtung der Kläranlage,
eine neue Pumpanlage und einen Hochbehälter für die Wasserversorgung, Schul- und Feuerwehrgerätehaus,
Turnhalle (eine zweite Halle ist geplant) - und inzwischen drei Kindergärten der evangelischen und katholischen
Kirchengemeinde mit finanzieller Hilfe der Kernstadt. 1989 wurde der neue Friedhof fertig. Letztes bedeutendes Verkehrs-
projekt ist die zum Jahresende 2000 fertig gestellte "Südumgehung" Gültstein, die den innerörtlichen Verkehr
vor allem in der Kappstraße entlastet.

1975 hörte Gültsteins Selbstständigkeit im Zuge der Gemeindereform auf zu existieren. Trotz starker Widerstände
bei der Bevölkerung wurde der Ort an Herrenberg eingegliedert. Da änderte auch eine Klage beim Staatsgerichtshof
nichts. Inzwischen aber sind die Wogen wieder geglättet.

Das Vereinsleben in unserer Gemeinde ist seit langem stark ausgeprägt und auf einem hohen Niveau. Neben dem Musikverein
gibt es weitere Betätigungsmöglichkeiten wie der Liederkranz, Kirchen- und Posaunenchor, der Turnverein mit seinen
verschiedenen Abteilungen und den Talentturnerinnen und -turnern, drei Reitvereine, der Kleintierzüchter- und der
Hundesportverein.

Auch nach der Jahrtausendwende und der heutigen Technisierung und unserer materiell ausgerichteten Zeit bleibt zu hoffen,
dass der gewachsene Gemeinschaftsgeist der Gemeinde Gültstein erhalten bleibt, damit sich auch unsere Generation als
würdiges Glied in die alte Geschichte dieses lieben Heimatdorfes einfügen kann.